Jesus lehrt das Vaterunser
Aus
dem Buch:
"Der Gottmensch" von
M A R I A V A L T O R T A
Aus dem Italienischen
Ausschnitte aus Kapitel 243, 411 und 692


Ausschnitt aus Kapitel 243
»Hört. Wenn ihr betet, sprecht so:
„Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel, und auf Erden wie im Himmel geschehe dein Wille. Gib uns heute unser tägliches Brot, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“«
Jesus hat sich erhoben, um das Gebet zu sprechen, und alle haben
es ihm nachgetan, aufmerksam und bewegt.
»Anderes braucht es nicht, meine Freunde. In diesen Worten ist
alles, was der Mensch für die Seele, den Leib und das Blut benötigt
wie in einem goldenen Ring eingeschlossen. Mit diesem Gebet
bittet um das, was dem einen und den anderen nützlich ist; wenn
ihr darum bittet, werdet ihr das ewige Leben erlangen. Es ist ein so
vollkommenes Gebet, dass die Wellen der Häretiker und der Lauf
der Jahrhunderte es nicht zu ändern imstande sind. Das Christentum
wird vom Biss Satans zerstückelt werden, und viele Teile meines
mystischen Leibes werden zerrissen und abgetrennt, eigene Zellen
bilden, im vergeblichen Verlangen, einen vollkommenen Leib zu gestalten,
wie es der mystische Leib Christi ist, in welchem alle Gläubigen
in der apostolischen Kirche vereint sind und in der alleinigen
wahren Kirche, die bestehen wird, so lange die Erde besteht! Aber
die abgetrennten Teilchen, denen die Gaben nicht zukommen, die
ich der Mutterkirche schenke, um meine Kinder zu nähren, werden
sich immer christlich nennen und sich dessen erinnern, dass sie auf
Christus zurückzuführen sind. Auch sie werden dieses universelle
Gebet beten. Vergesst es nie und denkt stets darüber nach. Wendet
es auf euer Wirken an. Es braucht nichts anderes für die Heiligung.
Wenn einer allein unter Heiden, ohne Kirche und ohne Bücher wäre,
hätte er alles, was zur Betrachtung erforderlich ist, in diesem Gebet,
und eine offene Kirche in seinem Herzen durch dieses Gebet. Er
hätte eine Regel und ein sicheres Mittel, sich zu heiligen.
„Vater unser“.
Ich nenne ihn Vater. Er ist der Vater des Wortes. Er ist der Vater
des Menschgewordenen. Daher will ich, dass auch ihr ihn so nennt;
denn ihr seid eins mit mir, wenn ihr in mir bleibt. Es hat eine Zeit gegeben,
da musste der Mensch sein Antlitz zur Erde werfen und vor
Schrecken zitternd flüstern: „Gott!“ Wer nicht an mich und mein
Wort glaubt, befindet sich immer noch in dieser lähmenden Angst.
Beobachtet, was im Tempel geschieht. Nicht nur Gott, sondern sogar
die Erinnerung an Gott ist hinter dem dreifachen Schleier den
Augen der Menschen verborgen. Trennung durch Entfernung, Trennung
durch Verschleierung. Alle Mittel werden angewandt, um dem
Beter zu sagen: „Du bist Staub. Er ist Licht. Du bist Verworfenheit.
Er ist Heiligkeit. Du bist Sklave. Er ist König.“
Aber nun! . . . Erhebt euch! Tretet näher! Ich bin der Ewige Priester.
Ich kann euch an der Hand nehmen und sagen: „Kommt!“ Ich
kann den Vorhang der Verschleierung ergreifen und den unbetretbaren
Ort öffnen, der bisher verschlossen war. Verschlossen? Warum?
Verschlossen aufgrund der Schuld, ja! Aber noch mehr verschlossen
durch das niedrige Denken der Menschen. Warum aber verschlossen,
wenn Gott die Liebe, der Vater, ist? Ich kann, ich soll und ich
will euch nicht in den Staub treten, sondern ins Himmelsblau ziehen,
nicht entfernen, sondern annähern, nicht ins Gewand der Sklaven
kleiden, sondern der Söhne am Herzen Gottes. „Vater! Vater!“ müsst
ihr sagen. Ihr dürft nicht müde werden, dieses Wort zu wiederholen.
Wisst ihr denn nicht, dass jedesmal, wenn ihr es aussprecht, der Himmel
wegen der Freude Gottes aufleuchtet? Und wenn ihr nur das
und mit wahrer Liebe sagen würdet, sprächt ihr ein Gott wohlgefälliges
Gebet. „Vater, mein Vater!“ sagen die Kinder zu ihrem Vater.
Es sind die ersten Worte, die sie sprechen: „Mutter, Vater.“ Ihr seid
die Kinder Gottes. Ich habe euch aus dem alten Menschen, der ihr
wart, gebildet; ich habe ihn mit meiner Liebe vernichtet, damit ein
neuer Mensch, der Christ, daraus geboren werde. Ruft also mit dem
Wort, das die Kinder als erstes kennen, den heiligsten Vater an, der
im Himmel ist.
„Geheiligt werde dein Name“.
Oh! Ein Name, der mehr als jeder andere heilig und wohlklingend
ist. Ein Name, den der Schrecken des Schuldhaften unter anderen
zu verbergen gelehrt hat. Nein, nicht mehr Adonai! Gott ist es! Gott,
der in einem Übermass an Liebe die Menschen erschaffen hat. Die
Menschheit ruft ihn von nun an bei seinem Namen, mit den Lippen,
die gereinigt sind im Bad, das ich bereite; sie nennt ihn mit seinem
Namen in der Erwartung, die wahre Bedeutung des Unbegreiflichen
in der Fülle der Weisheit verstehen zu lernen, wenn die Menschheit
in ihren besten Söhnen mit Ihm vereint und angenommen wird im
Reiche, das zu gründen ich gekommen bin.
„Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel“.
Ersehnt mit all euren Kräften diese Ankunft. Es wäre die Seligkeit
auf Erden, wenn es käme: das Reich Gottes in den Herzen, in den
Familien, in den Bürgern und den Nationen. Leidet, bemüht euch,
opfert euch auch für dieses Reich. Die Erde soll in den einzelnen
ein Spiegelbild des Lebens in den Himmeln sein. Es wird kommen.
Eines Tages wird alles kommen. Jahrhunderte um Jahrhunderte der
Tränen und des Blutes, der Irrtümer, der Verfolgungen, der Trümmer
und des Nebels, in dem das Licht des mystischen Leuchtturms
meiner Kirche leuchtet, werden vergehen. Aber das Schiff der Kirche
wird nicht untergehen. Wie ein unerschütterlicher Fels wird sie
jedem Angriff standhalten und das Licht hochhalten, mein Licht, das
Licht Gottes. Erst danach wird die Erde das Reich Gottes besitzen.
Und sie wird dann wie das starke Aufflammen eines Sternes sein,
der die Vollkommenheit seiner Existenz erreicht hat und zerfällt; unermessliche Blume der kosmischen Gärten, um mit strahlendem
Pulsschlag seine Existenz und seine Liebe zu Füssen seines Schöpfers
auszuhauchen. Es wird kommen, das Reich! Und es wird ein
vollkommenes Reich sein, das selige, ewige Reich des Himmels.
„Und auf Erden wie im Himmel geschehe dein Wille“.
Das Aufgeben des eigenen Willens in einen anderen kann erst vollzogen
werden, wenn die vollkommene Liebe das Geschöpf erreicht.
Das Sich-Auflösen des eigenen Willens im Willen Gottes kann nur
erfolgen, wenn man die theologischen Tugenden in heroischer Weise
besitzt. Im Himmel, wo alles makellos ist, gilt nur der Wille Gottes.
Versteht es, ihr Kinder des Himmels, das zu tun, was im Himmel
getan wird!
„Gib uns unser tägliches Brot“.
Wenn ihr im Himmel seid, werdet ihr euch nur in Gott nähren. Die
Seligkeit wird eure Nahrung sein. Aber hier habt ihr noch Brot nötig.
Ihr seid die Kinder Gottes. Es ist daher richtig, zu bitten: „Vater, gib
uns Brot.“ Habt ihr Angst, nicht erhört zu werden? O nein. Überlegt:
Wenn einer von euch einen Freund hat und bemerkt, dass er kein Brot
hat, um einen anderen Freund oder Verwandten, der am Ende der
zweiten Nachtwache zu ihm kommt, zu sättigen, dann geht er zum
ersten und sagt: „Freund, leihe mir drei Brote, denn es ist ein Gast
gekommen und ich habe nichts zu essen im Haus.“ Wird er je die
Antwort hören müssen: „Störe mich nicht, ich habe die Türe schon
geschlossen und den Riegel vorgelegt, und meine Kinder schlafen
schon an meiner Seite. Ich kann nicht aufstehen und dir geben, was
du verlangst?“ Nein. Wenn er sich an einen wahren Freund gewandt
hat und weiter bittet, wird er bekommen, was er verlangt. Er würde
es auch bekommen, wenn er sich an keinen besonders guten Freund
gewandt hätte. Er bekäme es schon wegen seines Drängens; denn
der um diesen Gefallen Ersuchte würde dem Drängen nachgeben,
um nicht länger belästigt zu werden.
Ihr aber wendet euch, wenn ihr den Vater bittet, nicht an einen
Freund dieser Erde, sondern an den vollkommenen Freund, den Vater
des Himmels! Daher sage ich euch: „Bittet, und es wird euch gegeben
werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird
euch aufgemacht werden.“ Denn wer bittet, empfängt; wer sucht,
der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet werden. Welches
Menschenkind bekommt einen Stein in die Hand gelegt, wenn es
den eigenen Vater um Brot bittet? Wird der Vater ihm anstelle eines
gebratenen Fisches eine Schlange geben? Ein Vater, der die eigenen
Kinder so behandelt, wäre ein Verbrecher. Ich habe es euch schon
einmal gesagt, und ich wiederhole es nun, um in euch die Güte und
das Vertrauen zu stärken: wenn also einer, mit gesundem Verstand,
keinen Skorpion anstelle eines Eies gibt, mit welch grösserer Güte
wird Gott euch geben, um was ihr bittet! Denn er ist gut, während
ihr mehr oder weniger schlecht seid. Bittet also mit demütiger und
kindlicher Liebe den Vater um das tägliche Brot.
„Vergib uns unsere Schuld, wie wir sie unseren Schuldigern vergeben“.
Es gibt materielle und geistige Schuld. Es gibt auch moralische
Schuld. Eine materielle Schuld ist das Geld oder die Ware, die geliehen
ist und darum zurückgegeben werden muss. Eine moralische
Schuld ist die Ehrabschneidung, die nicht wiedergutgemacht wurde,
und erbetene, doch verweigerte Hilfe. Geistige Schuld ist der Gehorsam
gegenüber Gott, der viel verlangt, dem aber nur wenig gegeben
wird. Er liebt uns und muss geliebt werden wie eine Mutter, eine
Gattin oder ein Sohn, von denen man vieles verlangt. Der Egoist
will haben, nicht geben. Aber der Egoist gehört zur Gegenseite des
Himmels.
Wir haben Schulden gegenüber allen. Von Gott bis zum Verwandten,
von diesem bis zum Freund, vom Freund bis zum Nächsten,
vom Nächsten bis zum Diener und Sklaven; denn sie alle sind Geschöpfe,
wie wir es sind. Wehe dem, der nicht verzeiht! Ihm wird
nicht vergeben werden. Gott kann – aus Gerechtigkeit – keine Schuld
nachlassen, wenn der Mensch nicht seinesgleichen verzeiht.
„Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“.
Der Mann, der es nicht für nötig hielt, mit uns das Ostermahl zu
teilen, hat mich vor ungefähr einem Jahr gefragt: „Wie? Du hast gebeten,
nicht versucht zu werden, und um Hilfe in den Versuchungen?“
Wir beide waren allein; und ich habe ihm geantwortet. Dann waren
wir zu viert an einem einsamen Ufer, und ich habe noch einmal
geantwortet. Doch es war bisher ergebnislos; denn in einen widerspenstigen
Geist muss erst eine Bresche geschlagen und die bösartige
Festung der Starrköpfigkeit zerstört werden. Und darum will ich
es noch einmal, zehnmal, hundertmal sagen, bis alles vollzogen ist.
Aber ihr, die ihr euch nicht mit unglücklichen Lehren und noch
unglücklicheren Leidenschaften beschäftigt, betet so: Betet mit Demut, dass Gott die Versuchungen verhindere. Oh, die Demut! Sich
als das zu erkennen, was man ist! Ohne darüber zu verzweifeln, sondern
um zu erkennen. Zu sagen: „Ich könnte nachgeben, obgleich
ich keine Lust dazu habe, denn ich bin ein unvollkommener Richter
mir selbst gegenüber. Darum, Vater, halte wenn möglich die Versuchungen
von mir fern, indem du mich so nahe bei dir hältst, dass der
Böse keine Möglichkeit hat, mir zu schaden.“ Denn, erinnert euch
daran, es ist nicht Gott, der zum Bösen versucht, sondern es ist der
Böse, der versucht. Bittet den Vater, dass er euch in eurer Schwäche
unterstütze, um nicht den Versuchungen des Bösen zu unterliegen!
Ich habe gesprochen, meine Auserwählten! Ich feiere mein zweites
Ostern mit euch. Letztes Jahr haben wir nur das Brot und das
Lamm miteinander geteilt. Dieses Jahr schenke ich euch das Gebet.
Andere Gaben werde ich bei den kommenden Osterfesten mit euch
teilen, damit ihr, wenn ich dorthin gegangen bin, wo der Vater es
will, ein Andenken an mich, das Lamm, an jedem Fest des mosaischen
Lammes besitzt.
Erhebt euch und lasst uns gehen! Wir werden bei Sonnenaufgang
in die Stadt zurückkehren. Besser: Morgen wirst du, Simon, und du,
mein Bruder (Judas Thaddäus), die Frauen und das Kind hierherholen.
Du, Simon des Jona, und ihr anderen bleibt bei mir, bis sie
zurückkommen. Dann gehen wir zusammen nach Betanien.«
Sie steigen nach Getsemani hinab und begeben sich ins Haus zur
Ruhe.
Ende des Kapitels 243
Ausschnitt aus Kapitel 411
Lasst uns beten: Vater unser, der du bist in den Himmeln;
geheiligt
werde dein Name von der ganzen Menschheit! Ihn zu kennen bedeutet,
auf dem Weg zur Heiligkeit zu sein. Gib, dass die Heiden und
Völker deine Existenz anerkennen und zu dir kommen, o heiliger Vater,
wie die drei Weisen einstmal zu Gott kamen, zu dir, Vater, vom
Stern Jakobs geführt, vom Morgenstern, zum König und Erlöser aus
dem Stamm Davids, zu deinem Gesalbten, der schon geopfert und
geweiht wurde, um das Opfer für die Sünden der Welt zu sein.
Dein Reich komme an allen Orten der Erde, wo man dich erkennt
und liebt, und auch dort, wo man dich noch nicht kennt. Es komme
vor allem zu jenen, den dreifachen Sündern, die dich, obwohl sie
dich in deinen Werken und den Offenbarungen deines Lichtes kennen,
nicht lieben und versuchen, das in die Welt gekommene Licht
zu ersticken, weil sie Seelen der Finsternis sind, welche die Werke
der Finsternis vorziehen und nichts anderes wollen, als das Licht
der Welt auszulöschen und dich zu beleidigen, weil du das heiligste
Licht bist und der Vater allen Lichtes, angefangen von dem, das
Fleisch und Wort geworden ist, um allen Menschen guten Willens
dein Licht zu bringen.
Dein Wille geschehe, heiliger Vater, in jedem Herzen, das auf
der Welt ist; das heisst, alle Herzen mögen gerettet werden und für niemanden sei das Opfer deines grossen Opferlammes fruchtlos. Denn
das ist dein Wille: dass der Mensch gerettet werde und sich deiner
erfreue, heiliger Vater, nach dem Tag der Vergebung, der nicht mehr
fern ist.
Gib uns deine Hilfe, o Herr, alle deine Hilfe. Gewähre sie allen, die
darauf warten, auch denen, die noch nicht wissen, dass sie darauf
warten. Gib sie den Sündern mit der rettenden Reue; gib sie den
Heiden mit der Verwundung deines erschütternden Rufes; gib sie
den Unglücklichen, den Gefangenen, den Verbannten, den Kranken
an Leib und Seele und allen anderen, du, der du alles bist, denn die
Zeit der Barmherzigkeit ist gekommen.
Verzeihe, o guter Vater, die Sünden deiner Söhne. Die deines Volkes,
die die schlimmsten sind, weil sie von denen begangen werden,
die im Irrtum verharren wollen, während deine Liebe gerade diesem
auserwählten Volke das Licht geschenkt hat. Verzeihe auch jenen,
welche ein elendes Heidentum in Verderbtheit leben lässt, indem es
sie das Laster lehrt. Sie ersticken im Götzendienst dieses belastenden
und übelriechenden Heidentums, während du doch auch sie
liebst, da du sie geschaffen hast. Wir verzeihen. Ich als erster verzeihe,
damit du verzeihen kannst, und über die Schwachheit der
Geschöpfe erflehen wir deinen Schutz, auf dass sie vom Fürsten des
Bösen befreit werden, von dem alle Verbrechen, aller Götzendienst,
alle Sünden, Versuchungen und Irrtümer deiner Geschöpfe herrühren.
Befreie sie, o Herr, von dem schrecklichen Fürsten, auf dass sie
zum ewigen Lichte kommen können.«
Ausschnitt aus Kapitel 692
Die Szene ist nach der Auferstehung.
Unten taucht Jerusalem nach und nach
aus der Finsternis auf, denn der Mond steht im Zenit und übergiesst alles mit
dem weissen Licht seiner schmalen Sichel, die wie eine diamantene Flamme am
dunklen Firmament hängt, an dem die leuchtenden Punkte unzähliger Sterne
flimmern, diese unglaublich schönen Sterne des orientalischen Himmels.
Jesus breitet die Arme aus, seine übliche Haltung beim Beten,
und stimmt an: »Vater unser, der du bist im Himmel.« Er
unterbricht sich und erklärt: »Dass er Vater ist, hat er euch dadurch bewiesen,
dass er euch verziehen hat. Euch, die ihr mehr als alle anderen zur
Vollkommenheit verpflichtet seid, euch, die er mit Wohltaten überhäuft hat und
die ihr, wie ihr selbst sagt, so unfähig seid, eure Aufgabe zu erfüllen, hätte
euch nicht jeder andere Herr, der nicht euer Vater gewesen wäre, bestraft? Ich
habe euch nicht bestraft. Der Vater hat euch nicht bestraft. Denn was der Vater
tut, das tut auch der Sohn, und was der Sohn tut, das tut auch der Vater, da
wir, vereint in der Liebe, ein einziger Gott sind. Ich bin im Vater, und der
Vater ist bei mir. Das Wort ist immer bei Gott, der ohne Anfang ist. Und das
Wort ist vor allen Dingen, seit einer Ewigkeit, die den Namen „immer“ trägt,
seit einer ewigen Gegenwart bei Gott, und es ist Gott wie Gott, da es das Wort
des göttlichen Gedankens ist.
Wenn ich also fortgegangen bin und ihr so zum Vater betet,
meinem und eurem Vater – daher sind wir Brüder, ich der Erstgeborene, ihr die
jüngeren Brüder – dann sollt ihr immer auch mich in meinem und eurem Vater
sehen. Ihr sollt das Wort sehen, das für euch „der Meister“ gewesen ist und euch
geliebt hat bis zum Tod und über den Tod hinaus. Denn ich habe euch mich selbst
als Speise und Trank hinterlassen, damit ihr in mir bleibt und ich in euch,
solange das Exil dauert, und wir uns dann alle in dem Reich wiedersehen, um das
zu beten ich euch gelehrt habe: „Zu uns komme dein Reich“, nachdem ihr zuerst
darum gebetet habt, dass eure Werke den Namen des Herrn heiligen und ihn im
Himmel und auf Erden verherrlichen mögen. Ja. Es gäbe für euch kein Reich im
Himmel, kein Reich für die, die wie ihr glauben werden, wenn ihr nicht zuvor das
Reich Gottes in euch gehabt hättet durch die tatsächliche Befolgung des Gesetzes
Gottes und meines Wortes. Denn dieses ist die Vervollkommnung des Gesetzes, da
es euch in der Zeit der Gnade die Gesetze der Auserwählten gegeben hat, also die
Gesetze derer, die über den bürgerlichen, moralischen und religiösen
Verfassungen der mosaischen Zeit stehen und schon im geistigen Gesetz der Zeit
Christi leben.
Ihr seht, was es heisst, Gott zwar nahe zu sein, Gott aber
nicht in sich zu haben; was es heisst, das Wort Gottes zwar zu besitzen,
diesesWort aber nicht wirklich zu befolgen. Jegliche Missetat begeht man, wenn
Gott zwar nahe, aber nicht im Herzen ist; wenn man das Wort zwar kennt, ihm aber
nicht gehorsam ist. Alles, alles nur deswegen. Die Verstocktheit und die
Verderbtheit, der Gottesmord, der Verrat, die Marter, der Tod des Unschuldigen
und seines Kain, alles rührt daher. Und doch, wer ist so wie Judas von mir
geliebt worden? Aber er hatte mich, Gott, nicht in seinem Herzen. Und er ist der
verdammte Gottesmörder, der unendlich Schuldige als Israelit und Jünger, als
Selbstmörder und Gottesmörder, ganz abgesehen von seinen sieben Hauptsünden und
allen seinen anderen Sünden.
Ihr könnt das Reich Gottes nun mit grösserer Leichtigkeit in
euch haben, denn ich habe es euch erworben durch meinen Tod. Ich habe euch durch
meine Leiden erkauft. Vergesst das nicht. Und niemand soll die Gnade mit Füssen
treten, denn sie hat das Leben und das Blut eines Gottes gekostet. Möge also das
Reich Gottes durch die Gnade in euch sein, ihr Menschen; möge es auf Erden sein
durch die Kirche; möge es im Himmel sein durch die Scharen der Seligen, die es,
nachdem sie mit Gott im Herzen gelebt haben – vereint mit dem Leib, dessen Haupt
Christus ist, vereint mit dem Weinstock, dessen Reben alle Christen sind –
verdienen, sich im Reich dessen auszuruhen, für den alles geschaffen wurde: Ich,
der zu euch spricht und der sich selbst dem Willen des Vaters übergeben hat, auf
dass alles erfüllt werde. Daher kann ich euch ohne Heuchelei lehren: „Dein Wille
geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden.“ Denn dass ich den Willen meines
Vaters erfüllt habe, das können die Erdschollen, die Kräuter, die Blumen, die
Steine Palästinas, mein verwundetes Fleisch und ein ganzes Volk bestätigen.
Tut, was ich getan habe. Bis zum äussersten. Bis zum Tod am
Kreuz, wenn Gott es will. Denn, denkt daran, ich selbst habe es getan, und es
gibt keinen Jünger, der mehr Mitleid verdient als ich. Und doch habe ich die
grössten Schmerzen ertragen. Und doch habe ich mit stetiger Selbstverleugnung
gehorcht. Ihr wisst es, und ihr werdet es in der Zukunft noch besser verstehen,
wenn ihr mir ähnlicher werdet, indem ihr einen Schluck aus meinem Kelch trinkt .
. . Haltet euch immer diesen Gedanken vor Augen: „Durch seinen Gehorsam
gegenüber dem Vater hat er uns gerettet.“ Und wenn ihr Retter sein wollt, dann
tut, was ich getan habe. Der eine oder andere von euch wird auch das Kreuz
kennenlernen, oder die Marter durch Tyrannen, oder die Qual der Liebe, das Exil
vom Himmel, nach dem er sich bis ins höchste Alter sehnen wird, bevor er zu ihm
aufsteigt. Nun, in allen Dingen geschehe der Wille Gottes. Denkt daran, die Qual
des Todes oder die Qual des Lebens, wenn ihr euch nach dem Tod sehnt, um dorthin
zu kommen, wo ich bin, sind gleich in den Augen Gottes, wenn sie in frohem
Gehorsam ertragen werden. Sie sind sein Wille; daher sind sie heilig.
„Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Tag um
Tag, Stunde um Stunde. Es ist Glaube, es ist Liebe, es ist Gehorsam, es ist
Demut und es ist Hoffnung, dieses Bitten um das Brot für einen Tag und es so
anzunehmen, wie es kommt. Heute süss, morgen bitter, viel oder wenig, gut
gewürzt oder mit Asche vermischt. Wie immer es ist, es ist recht. Gott gibt es,
Gott, der Vater ist. Daher ist es gut.
Einmal werde ich von dem anderen Brot sprechen. Es wäre
heilsam, dieses täglich zu geniessen und den Vater zu bitten, es euch immer zu
erhalten. Denn, wehe den Tagen und den Orten, an denen es durch den Willen der
Menschen fehlen wird! Ihr seht, wie stark die Menschen in den Werken der
Finsternis sind. Bittet den Vater, dass er sein Brot verteidige und es euch
schenke. Und er möge es euch um so mehr schenken, je mehr die Finsternis das
Licht und das Leben ersticken will, wie es am Rüsttag geschehen ist. Am zweiten
Rüsttag gäbe es keine Auferstehung. Denkt alle daran. Wenn auch das Wort nicht
mehr getötet werden kann, so könnte seine Lehre doch noch getötet und die
Freiheit und der Wille, sie zu lieben, in allzu vielen vernichtet werden. Aber
dann wären auch Leben und Licht für die Menschen zu Ende. Und wehe jenem Tag!
Der Tempel diene euch als Beispiel. Denkt daran, ich habe gesagt: „Er ist der
grosse Leichnam.“
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern.“
Da ihr alle Sünder seid, seid gut zu den Sündern. Denkt an
meine Worte: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, wenn du vorher
nicht den Balken aus deinem Auge entfernt hast?“ Der Geist, den ich euch
eingeflösst, und der Befehl, den ich euch gegeben habe, befähigen euch, im Namen
Gottes die Sünden des Nächsten zu vergeben. Aber wie könnt ihr es tun, wenn Gott
euch nicht die euren vergibt? Später einmal werde ich davon reden. Jetzt sage
ich euch: Verzeiht denen, die euch beleidigen, damit euch vergeben wird und ihr
das Recht habt, zu vergeben oder zu verurteilen. Wer ohne Sünde ist, kann dies
mit vollem Recht tun. Wer aber in Sünde ist und nicht verzeiht, sondern
Entrüstung vortäuscht, ist ein Heuchler, und die Hölle erwartet ihn. Denn wenn
den Unmündigen auch Barmherzigkeit widerfährt, so wird doch der Urteilsspruch
streng sein für deren Vormünder, die derselben oder noch grösserer Sünde
schuldig sind, obwohl die Fülle des Geistes ihnen beisteht.
„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns
von dem Bösen.“ Seht, die Demut ist der Grundstein der Vollkommenheit.
Wahrlich, ich sage euch, segnet auch jene, die euch demütigen, denn sie geben
euch das Nötige für euren himmlischen Thron.
Nein, die Versuchung ist nicht Verderb, wenn der Mensch
demütig beim Vater bleibt und ihn bittet, nicht zuzulassen, dass Satan, die Welt
und das Fleisch über ihn triumphieren. Die Kronen der Seligen sind geschmückt
mit den Edelsteinen der besiegten Versuchungen. Sucht sie nicht, aber seid nicht
feige, wenn sie kommen. Demütig, und gerade deshalb stark, schreit zu meinem und
eurem Vater: „Erlöse uns von dem Bösen“, und ihr werdet das Böse besiegen. Und
ihr werdet wahrhaft den Namen Gottes durch eure Werke ehren, wie ich zu Beginn
gesagt habe, denn alle, die euch sehen werden, werden sagen: „Es gibt einen
Gott, denn diese leben wie Götter, so vollkommen ist ihre Lebensweise“; und sie
werden zu Gott kommen und so die Bewohner des Reiches Gottes vermehren.
Kniet nieder, damit ich euch segne und mein Segen euch den
Geist zur Betrachtung öffne.«
Sie werfen sich vor ihm nieder, und er segnet sie und
verschwindet dann, als ob ein Mondstrahl ihn aufgesogen hätte.
Nach einer Weile heben die Apostel erstaunt die Köpfe, da sie
nichts mehr hören, und sehen, dass Jesus verschwunden ist . . . Sie werfen sich
erneut auf ihr Antlitz mit der jahrhundertealten Furcht eines jeden Israeliten,
der fühlt, mit dem Gott des Himmels in Berührung gekommen zu sein.
Ende des Kapitels 692
