Der Grösste im Himmelreich - Der kleine Benjamin von Kafarnaum
M a r i a V a l t o r t a
Kapitel 397/398 aus "Der Gottmensch"
Aus dem italienischen.


397 Der Grösste im Himmelreich - Der kleine Benjamin von Kafarnaum
Gerade als der Himmel und der See sich im
Abendrot des Sonnenunterganges entzünden, kehren sie zurück nach Kafarnaum. Sie
sind zufrieden und reden miteinander. Jesus spricht wenig, lächelt jedoch. Sie
stellen fest, dass sie, wenn sich der Bote besser ausgedrückt hätte, sich den Weg
hätten ersparen können. Sie sagen aber auch, dass sich die Mühe trotzdem gelohnt
hat, denn eine Schar kleiner Kinder hat den Vater geheilt zurückerhalten, als er
schon im nahenden Tod erkaltete, und ausserdem sind sie nun nicht mehr ohne einen
Pfennig.
»Ich hab euch doch gesagt, dass der Vater für alles sorgen
würde«, sagt Jesus.
»War er nicht ein alter Verehrer der Maria von Magdala?«
fragt Philippus.
»Es scheint so . . . Demnach, was man uns gesagt hat . . . «
antwortet Thomas.
»Herr, was hat dir der Mann gesagt?« fragt Judas des Alphäus.
Jesus lächelt ausweichend.
»Ich habe ihn mehrmals mit ihr gesehen, als ich mit Freunden
in Tiberias war. Ich bin sicher«, bestätigt Matthäus.
»Ja, Bruder, stelle uns zufrieden . . . Hat dich der Mann nur
um Heilung oder auch um Verzeihung gebeten?« fragt Jakobus des Alphäus.
»Welch sinnlose Frage! Der Herr erweist niemals eine Gnade,
ohne zuvor Reue zu verlangen!« sagt Iskariot mit einem gewissen Unwillen Jakobus
des Alphäus gegenüber.
»Mein Bruder hat keine Torheit gesagt. Jesus heilt oder
befreit und sagt dann: „Gehe hin und sündige nicht mehr“«, entgegnet Thaddäus.
»Aber nur, weil er die Reue schon in den Herzen sieht«,
erwidert Iskariot.
»In den Besessenen ist weder Reue noch das Verlangen, befreit
zu werden. Bei keinem einzigen war ein Anzeichen dafür zu erkennen. Erinnere
dich an die einzelnen Fälle, und du wirst sehen, dass sie entweder flohen oder zu
Feindseligkeiten übergingen, oder wenigstens versuchten, das eine oder andere zu
tun; und es gelang ihnen nur nicht, weil sie von ihren Angehörigen daran
gehindert wurden«, sagt Thaddäus.
»Und von der Macht Jesu«, ergänzt der Zelote.
»Dann zieht Jesus eben den Wunsch der Verwandten in Betracht,
die den Willen des Besessenen darstellen, der, wenn er vom Dämon nicht daran
gehindert würde, die Befreiung wünschen würde.«
»Oh, wie viele Spitzfindigkeiten! Und für die Sünder? Mir
scheint, dass er das gleiche Prinzip anwendet, auch wenn sie nicht besessen
sind«, sagt Jakobus des Zebedäus.
»Zu mir hat er gesagt: „Folge mir“, und ich hatte über meinen
Zustand noch kein Wort zu ihm gesagt«, bemerkt Matthäus.
»Aber er hat in deinem Herzen gelesen«, sagt Iskariot, der
unbedingt immer recht haben will.
»Nun gut! Aber dieser Mann war nach dem, was das Volk
erzählt, ein der Sinnlichkeit ergebener grosser Sünder und nicht dem Teufel
verfallen oder gar besessen, doch bei all den Sünden hatte er wohl einen Dämon
zum Gebieter. Er lag im Sterben und so weiter, aber um was hat er gebeten? Wir
kommen nicht weiter, scheint mir . . . Wir sind noch immer bei der ersten
Frage«, sagt Petrus.
Jesus stellt ihn zufrieden: »Der Mann wollte mit mir allein
sein, um offen mit mir reden zu können. Er hat nicht sofort über seinen
Gesundheitszustand, sondern über seinen Seelenzustand gesprochen, und hat
gesagt: „Ich liege im Sterben, aber es steht noch nicht so schlimm um mich, wie
ich die Umstehenden habe glauben lassen, um dich schneller in meiner Nähe zu
haben. Ich bedarf deiner Vergebung, um gesund zu werden. Die Vergebung allein
genügt mir. Wenn du mich nicht heilen willst, werde ich mich darein ergeben,
denn ich habe es verdient. Aber heile meine Seele!“, und er hat mir seine vielen
Sünden, eine Kette von ekelerregenden Sünden, bekannt . . . « sagt Jesus, doch
sein Gesicht strahlt vor Freude.
»Und du freust dich auch noch darüber, Meister? Das wundert
mich!« bemerkt Bartholomäus.
»Ja, Bartholomäus, ich freue mich, denn die Sünden sind nicht
mehr, und mit ihnen habe ich den Namen der Befreierin erfahren. In diesem Fall
war der Apostel eine Frau.«
»Deine Mutter!« rufen viele aus, und andere: »Johanna des
Chuza! Da er oft nach Tiberias ging, hat er sie vielleicht gekannt.« Jesus
schüttelt den Kopf. Sie fragen ihn: »Wer dann?«
»Maria des Lazarus«, antwortet Jesus.
»Ist sie hierhergekommen? Warum hat sie sich bei keinem von
uns sehen lassen?«
»Sie ist nicht gekommen. Sie hat ihrem alten Gefährten der
Sünde geschrieben. Ich habe die Briefe gelesen. Darin fleht sie ihn immer um
dasselbe an: auf sie zu hören und sich zu bekehren, wie sie sich selbst bekehrt
hat; ihr im Guten zu folgen, wie er ihr vorher in der Sünde gefolgt ist; und mit
tränenvollen Worten bittet sie ihn auch, ihre Seele von den Gewissensbissen,
seine Seele verführt zu haben, zu befreien. Sie hat ihn bekehrt, so dass er sich
auf das Land zurückgezogen hat, um den Versuchungen der Stadt zu entfliehen. Die
Krankheit, mehr durch Gewissensbisse verursacht als physischen Ursprungs, hat
ihn schliesslich für die Gnade vorbereitet. Also, seid ihr jetzt zufrieden?
Versteht ihr jetzt, warum ich lächle?«
»Ja, Meister«, sagen alle, und als sie sehen, dass Jesus seine
Schritte beschleunigt, wie um sich abzusondern, fangen sie an, miteinander zu
tuscheln . . .
Kafarnaum ist schon in Sichtweite, als sie an der Kreuzung
mit dem Weg, der am See entlang nach Magdala führt, auf Jünger stossen, die zu
Fuss, die Frohe Botschaft verkündend, von Tiberias herkommen. Es sind alle mit
Ausnahme von Margziam, den Hirten und Manaen, die mit den Frauen von Nazaret
nach Jerusalem aufgebrochen sind.
Die Gruppe der Jünger hat sich sogar um einige vermehrt, die
auf dem Rückweg von ihrer Mission zu ihr gestossen sind und einige neue
Proselyten der christlichen Lehre mitgebracht haben.
Jesus grüsst sie liebevoll, sondert sich jedoch dann sofort
wieder ab in Betrachtung und tiefem Gebet, indem er einige Schritte vor ihnen
hergeht. Die Apostel hingegen gesellen sich zu den Jüngern, besonders zu den einflussreicheren, also Stephanus, Hermas, dem Priester Johannes, Timoneus, Josef
von Emmaus, Ermastheus – der, soweit ich es beurteilen kann, auf dem Weg der
Vollkommenheit voranfliegt – und Abel von Betlehem in Galiläa, dessen Mutter mit
anderen Frauen am Ende der Gruppe geht. Jünger und Apostel tauschen Fragen und
Antworten über die Ereignisse seit ihrer Trennung. So wird auch von der Heilung
und Bekehrung am heutigen Tag und von der Münze im Maul des Fisches berichtet .
. . Die Gründe für dieses Wunder und diese Bekehrung und Heilung sind der Anlass
zu viel Gerede, das sich von Reihe zu Reihe verbreitet wie ein Feuer, das sich
an trockenem Laub entzündet hat . . .
Jesus sagt: »Hier werdet ihr die
Vision vom 7. März 1944 einsetzen, welche den Titel „Der kleine Benjamin von
Kafarnaum“ trägt. Die Auslegung könnt ihr weglassen und dann mit der Lehre und
mit der Vision fortfahren.«
Ich möchte noch im voraus bemerken, dass ich den
letzten Satz: »Hier endet die Vision . . . « auslasse. Er wäre hier fehl am
Platz, da die Vision weitergeht.
Ich sehe Jesus auf einer Landstrasse, von seinen
Aposteln und Jüngern umgeben und gefolgt.
Der See von Galiläa ist nicht mehr
weit entfernt und schimmert ruhig und blau in der schönen Frühlings- oder
Herbstsonne. Es ist keine glühende Sonne wie im Sommer, doch vermute ich, dass es
Frühjahr ist, denn die Natur ist sehr frisch und hat nicht die goldenen, matten
Farben des Herbstes.
Es scheint, dass sich Jesus, da der Abend hereinbricht, in
das gastliche Haus zurückziehen möchte und sich daher zur Ortschaft begibt, die
schon in Sicht ist. Wie er es oft tut, geht Jesus einige Schritte voraus, zwei
oder drei, nicht mehr, doch genug, um sich in Gedanken absondern zu können, des
Schweigens bedürftig nach einem Tage der Verkündigung der Frohen Botschaft. Ganz
in sich gekehrt wandert er dahin, in der rechten Hand einen grünen Zweig, den er
wohl von einem Strauch abgerissen hat und mit dem er nun, in Gedanken versunken,
die Gräser am Wegrand berührt.
Hinter ihm sprechen die Jünger lebhaft
miteinander. Sie rufen sich die Ereignisse des Tages ins Gedächtnis und sind
nicht sehr nachsichtig, wenn es darum geht, Fehler und Bosheiten anderer
abzuwägen. Alle kritisieren mehr oder weniger, dass die Einnehmer der
Tempelsteuer von Jesus den Tribut verlangt haben.
Petrus, immer noch erregt,
bezeichnet dieses Vorgehen als Sakrileg, da der Messias nicht verpflichtet ist,
Steuern zu zahlen. »Das würde bedeuten, von Gott zu verlangen, dass er an sich
selbst bezahlt «, sagt er. »Und das ist nicht gerecht. Wenn sie aber glauben,
dass er nicht der Messias ist, so wird auch das zum Sakrileg!«
Jesus wendet sich
einen Augenblick um und sagt: »Simon, Simon, viele werden an mir zweifeln, auch
einige von denen, die meinen, einen sicheren und unerschütterlichen Glauben
an mich zu haben. Richte nicht die Brüder, Simon! Richte immer zuerst dich
selbst!«
Judas sagt mit einem ironischen Lächeln dem gedemütigten Petrus, der
den Kopf gesenkt hat: »Das ist für dich. Weil du der älteste bist, willst du
immer den Gescheiten spielen. Es ist aber nicht gesagt, dass ein Verdienst immer
im Verhältnis zum Alter steht. Unter uns sind einige, die dich in Bezug auf
Wissen und gesellschaftliche Stellung übertreffen.«
Es beginnt nun eine
Diskussion über die Verdienste. Die einen rühmen sich, unter den ersten Jüngern
gewesen zu sein, die Jesus erwählt hat, andere glauben, dass er sie bevorzugt,
weil sie auf eine einflussreiche Stellung verzichtet haben, um Jesus zu folgen;
wieder ein anderer sagt, dass niemand solche Rechte habe wie er, da keiner einen
so grossen Schritt zur Bekehrung getan habe, indem er vom Zöllner zum Jünger
wurde. Dieser Wortwechsel zieht sich in die Länge, und wenn ich nicht fürchten
würde, die Apostel zu beleidigen, würde ich sagen, dass er in einen regelrechten
Streit ausgeartet ist.
Jesus hält sich heraus. Es scheint, als ob er nicht
einmal ihre Stimmen hören würde. Inzwischen sind sie bei den ersten Häusern des
Ortes angelangt, den ich als Kafarnaum erkenne. Jesus geht weiter, und die
anderen folgen ihm und diskutieren immer noch.
Ein Knabe von sieben oder acht
Jahren hüpft hinter Jesus her und erreicht ihn, nachdem er die Gruppe der
lautstarken Apostel überholt hat. Es ist ein schöner Knabe mit dunkelbraunem,
gelocktem Haar, mit zwei schwarzen, klugen Äuglein im braunen Gesichtchen. Er
ruft den Meister so vertraulich, als ob er ihn gut kennen würde, und fragt:
»Jesus, darf ich bis zu deinem Hause mit dir kommen?«
»Weiss es deine Mutter?«
fragt Jesus mit einem gutmütigen Lächeln.
»Ja, sie weiss es.«
»Wirklich?« Jesus
schaut ihn immer noch lächelnd mit einem durchdringenden Blick an.
»Ja,
Jesus, wirklich.«
»Dann komm.«
Das Kind macht einen Freudensprung und ergreift
die linke Hand Jesu, der sie ihm gereicht hat. Mit welch liebevollem Vertrauen
das Kind die kleine braune Hand in die lange Hand meines Jesus legt! Auch ich
würde gerne dasselbe tun!
»Erzähle mir ein schönes Gleichnis, Jesus«, sagt das
Kind, indem es an der Seite des Meisters hüpft und ihn von unten bis oben mit
seinem freudestrahlenden Gesichtlein mustert.
Auch Jesus betrachtet das Kind mit
einem heiteren Lächeln, bei dem sich sein von dem rotblonden Bart umschatteter
Mund leicht öffnet. Seine Augen, von der Farbe dunkler Saphire, lachen vor
Freude, während er das Kind betrachtet.
»Was willst du mit dem Gleichnis
anfangen? Es ist kein Spielzeug. «
»Es ist schöner als ein Spielzeug. Wenn ich schlafen gehe, denke ich darüber nach, und dann träume ich davon, und am Morgen
erinnere ich mich daran und sage es wieder auf, um gut zu sein. Es hilft mir,
gut zu sein.«
»Und du erinnerst dich jeweils wirklich daran?«
»Ja, möchtest du, dass ich dir alle Gleichnisse aufsage, die du mir bisher erzählt hast?«
»Du bist
tüchtig, Benjamin, tüchtiger als die Erwachsenen, die vergessen. Als Belohnung
will ich dir ein Gleichnis erzählen.«
Das Kind hüpft jetzt nicht mehr. Es
schreitet ernst und gesammelt wie ein Erwachsener einher, und es entgeht ihm
kein Wort und kein Tonfall Jesu, den es aufmerksam beobachtet, ohne mehr darauf
zu achten, wohin es seinen Fuss setzt.
»Einem sehr guten Hirten kam zur Kenntnis, dass an einem Orte dieser Welt sehr viele Schafe waren, die ihr schlechter Hirte
verlassen hatte. Sie irrten auf unwegsamen Pfaden und schädlichen Weiden umher
und liefen Gefahr, in immer tiefere und finsterere Schluchten zu geraten. Der
gute Hirte begab sich zu jenem Ort, verkaufte alle seine Habe und erwarb
die Schafe und deren Lämmlein.
Er wollte sie in sein Reich bringen, denn dieser
Hirte war auch König, wie so viele in Israel Könige gewesen sind. In seinem
Reich hätten diese Schafe und Lämmlein viele grüne Weiden, frisches und reines
Wasser, sichere Wege und Hürden gefunden, in die kein Dieb und kein Wolf
einbrechen konnte. Daher vereinigte der Hirte seine Schafe und Lämmer und sagte
zu ihnen: „Ich bin gekommen, euch zu retten, um euch dorthin zu führen, wo ihr
nicht mehr leiden und keine Nachstellungen und Schmerzen kennen werdet. Liebt
mich und folgt mir, denn ich liebe euch so sehr, dass ich mich in jeder Weise
aufgeopfert habe, um euch zu bekommen. Wenn ihr mich liebt, wird mir mein Opfer
keine Last sein. Folgt mir und lasst uns gehen!“
Der Hirte voran, die Schafe
hinter ihm her, machten sie sich auf den Weg zum Reich der Freude.
Jeden
Augenblick wandte sich der Hirte um, um nachzusehen, ob sie ihm auch folgten, um
die Müden anzuspornen und die Entmutigten zu bestärken, um den Kranken unter
ihnen zu helfen und die Lämmlein zu streicheln. Wie sehr liebte er sie! Er gab
ihnen sein Brot und sein Salz, kostete als erster das Wasser der Quellen und
segnete es, um zu prüfen, ob es gesund sei und um es zu heiligen.
Aber die
Schafe – glaubst du es, Benjamin? – die Schafe wurden nach einiger Zeit müde.
Zuerst eines, dann zwei, dann zehn, dann hundert. Sie blieben zurück, um Gras zu
fressen und sich damit vollzustopfen, bis sie sich nicht mehr bewegen konnten.
Dann legten sie sich müde und satt in den Staub und den Schlamm. Andere liefen
am Rand der Abgründe dahin, obwohl der Hirte sie warnte: „Tut das nicht!“ Er
stellte sich dorthin, wo die grösste Gefahr war, um sie davon abzuhalten, aber
sie stiessen ihn mit ihrem Kopf an und versuchten mehrmals, ihn in den Abgrund zu
stürzen. So endeten viele in den Schluchten und starben eines elenden Todes.
Andere stiessen sich mit ihren Köpfen und Hörnern und töteten sich gegenseitig.
Nur ein Lämmlein trennte sich nie vom Hirten. Es lief, blökte und sagte mit
seinem Blöken zum Hirten: „Ich liebe dich!“ Es folgte dem guten Hirten, und
als sie an den Pforten seines Reiches ankamen, waren es nur noch zwei; der Hirte
und das getreue Lämmlein. Da sagte der Hirte nicht: „Tritt ein“, sondern:
„Komm“, und er nahm es auf seine Arme, drückte es an seine Brust und trug es
hinein, indem er alle seine Untergebenen zusammenrief und zu ihnen sagte: „Seht,
dieses liebt mich. Ich will, dass es in alle Ewigkeit bei mir sei, und ihr sollt
es lieben, denn es ist der Liebling meines Herzens!“
Das Gleichnis ist zu Ende,
Benjamin. Kannst du mir nun sagen, wer der gute Hirte ist?«
»Du bist es, Jesus.«
»Und das Lämmlein?«
»Das bin ich, Jesus.«
»Aber nun werde ich fortgehen, und du
wirst mich vergessen.«
»Nein, Jesus. Ich werde dich nicht vergessen, denn ich
liebe dich.«
»Deine Liebe wird aufhören, wenn du mich nicht mehr siehst . . . «
»Ich werde in meinem Innern die Worte wiederholen, die du mir gesagt hast, und
es wird so sein, als ob du selbst anwesend wärst. Auf diese Weise werde ich dich
lieben und dir gehorchen. Sag mir, Jesus, wirst du dich an Benjamin erinnern?«
»Immer!«
»Wie wirst du es machen, dich zu erinnern?«
»Ich werde mir sagen, dass
du mir versprochen hast, mich zu lieben und mir zu gehorchen, und so werde ich
mich deiner erinnern.«
»Und wirst du mir dein Reich geben?«
»Wenn du gut bist,
ja!«
»Ich werde gut sein.«
»Wie wirst du es machen? Das Leben ist lang.«
»Aber
deine Worte sind so gut. Wenn ich sie mir vorsage und das tue, was sie mir zu
tun gebieten, dann werde ich mich das ganze Leben lang gut bewahren. Ich werde
es tun, weil ich dich liebe. Wenn man liebt, dann macht es keine Mühe, gut zu
sein. Ich werde nicht müde, meiner Mutter zu gehorchen, denn ich liebe sie, und
es wird mir keine Mühe machen, dir zu gehorchen, weil ich dich liebe.«
Jesus ist stehen geblieben und schaut das mehr von Liebe als von der Sonne
entflammte Gesichtlein an. Die Freude Jesu ist so lebhaft, dass es scheint, eine
andere Sonne entzünde sich in seiner Seele und strahle durch seine Augen. Er
beugt sich nieder und küsst das Kind auf die Stirn.
Vor einem kleinen einfachen
Hause, vor dem sich ein Brunnen befindet, ist er stehengeblieben. Jesus geht zu
diesem Brunnen und setzt sich nieder, und dort finden ihn die Apostel, die noch
immer ihre gegenseitigen Vorzüge abwägen.
Jesus schaut sie an und ruft sie zu
sich. »Kommt hierher und hört euch die letzte Unterweisung des Tages an, ihr,
die ihr euch brüstet mit der Zurschaustellung eurer Verdienste und meint, euch
dadurch einen besonderen Platz zu erwerben. Seht ihr dieses Kind? Es ist in der
Wahrheit schon weiter voran als ihr. Seine Unschuld gibt ihm den Schlüssel, um
die Tore meines Reiches zu öffnen. In seiner kindlichen Einfalt hat es
verstanden, dass in der Liebe die Kraft liegt, mit der man gross wird, und in dem
aus Liebe geübten Gehorsam die Kraft, mit der man in mein Reich gelangt. Seid
einfältig, demütig und liebt mit einer Liebe, die nicht nur mir gilt, sondern
auch eurem Nächsten, indem ihr allen meinen Worten gehorcht, auch diesen, wenn
ihr dorthin gelangen wollt, wohin diese Unschuldigen gelangen werden. Lernt von
den Kindern. Der Vater enthüllt ihnen die Wahrheit, wie er sie selbst den Weisen
nicht enthüllt.«
Jesus spricht und hält dabei Benjamin, die Hände auf seinen
Schultern aufrecht gegen seine Knie. Jetzt ist das Antlitz Jesu voll Majestät,
nicht zürnend, jedoch ernst. Es ist wirklich das Antlitz eines Meisters. Der
letzte Sonnenstrahl bildet einen Strahlenkranz um sein blondes Haupt.
Die Vision
entschwindet und lässt mich voller Glückseligkeit in meinen Schmerzen zurück.
Also: Die Jünger haben natürlich nicht in das Haus hineingehen können, wegen
ihrer grossen Anzahl und aus Ehrfurcht. Sie tun es nie, wenn sie nicht alle
zusammen eingeladen oder vom Meister dazu aufgefordert werden. Ich bemerke stets eine grosse Ehrfurcht, eine grosse Zurückhaltung, trotz der Liebenswürdigkeit
des Meisters und der schon lange währenden Vertrautheit. Auch Isaak, der sich
den ersten Jünger nennen könnte, nimmt sich nie die Freiheit, zu Jesus zu gehen,
ohne dass ein Lächeln, wenigstens ein Lächeln des Meisters, ihn in seine Nähe
rufen würde.
Ein wenig verschieden, nicht wahr, von der raschen, fast
scherzhaften Art, in der viele das Übernatürliche behandeln . . . Das ist meine
Meinung, und ich halte es für richtig, sie zu sagen, denn ich kann es nicht
ertragen, dass die Menschen Dinge, die über ihnen stehen, nicht einmal so
behandeln, wie sie ihresgleichen behandeln, nur weil sie in der
gesellschaftlichen Rangstufe ein wenig höher stehen als sie . . . Aber fahren
wir fort . . .
Die Jünger haben sich also am Seeufer verstreut, um Fische, Brot
und was sonst noch nötig ist für das Abendessen zu kaufen. Auch Jakobus des Zebedäus kommt zurück und ruft den Meister, der sich auf die Terrasse gesetzt
hat und mit Johannes zu seinen Füssen in ein sanftes, ruhiges Gespräch vertieft
ist . . . Jesus steht auf und beugt sich über die Brüstung.
Jakobus sagt: »So
viele Fische, Meister! Mein Vater sagt, dass du mit deinem Kommen die Netze
gesegnet hast. Schau, das ist für uns«, und er zeigt einen Korb voll Fische, die
wie Silber glänzen.
»Gott möge ihm Gnade schenken für seine Hochherzigkeit.
Bereitet das Mahl, denn danach werden wir mit den Jüngern zum Ufer gehen.«
Sie
folgen seiner Anweisung. Der See ist schwarz in der Nacht, in Erwartung des
Mondes, der spät aufgeht. Mehr als man den See sehen kann, hört man ihn zwischen
den Steinen des Kiesgrundes murmeln und plätschern. Nur die aussergewöhnlich
hellen Sterne des Orients spiegeln sich im stillen Wasser. Apostel und Jünger
nehmen im Kreise um eine umgestürzte Barke, auf die Jesus sich gesetzt hat,
Platz. Die kleinen Laternen der Boote, die man mitten in den Kreis gebracht hat,
beleuchten kaum die allernächsten Gesichter. Das Antlitz Jesu wird durch eine
Laterne, die man zu seinen Füssen hingestellt hat, von unten her beleuchtet, und
daher können ihn alle gut sehen, während er mit diesem oder jenem spricht.
Anfänglich ist es eine schlichte, familiäre Unterhaltung, doch dann nimmt sie
den Ton einer Unterweisung an. Ja, Jesus sagt ausdrücklich: »Kommt und hört!
Bald werden wir uns trennen, und ich möchte euch noch belehren, um euch besser
heranzubilden.
Heute habe ich euch disputieren gehört, und nicht immer mit
liebevoller Nachsicht. Den Älteren von euch habe ich bereits eine Unterweisung
gegeben, aber ich möchte sie allen zuteil werden lassen, und es wird den Älteren
nicht schaden, wenn sie sie noch einmal mitanhören. Jetzt ist der kleine Benjamin
nicht vor meinen Knien, er schläft in seinem Bett und träumt seine unschuldigen
Träume. Doch vielleicht ist seine reine Seele trotzdem in unserer Mitte. Stellt
euch einfach vor, dass er oder irgendein anderes Kind hier ist, als Beispiel für
euch. Alle habt ihr in euren Herzen eine fixe Idee, eine Neugierde, eine Gefahr:
Ihr möchtet die Ersten im Himmelreich sein, und wollt wissen, wer der Erste im
Himmelreich sein wird, und endlich die Gefahr: ihr hegt den noch menschlichen
Wunsch, einmal die Antwort von wohlwollenden Kameraden oder vom Meister, vor
allem vom Meister, weil er die Wahrheit und die Zukunft kennt, zu hören: „Du
bist der Erste im Himmelreich.“
Ist es vielleicht nicht so? Die Frage schwebt
auf euren Lippen und lebt im Grunde eures Herzens. Der Meister beschäftigt sich
mit dieser eurer Neugierde zu eurem Wohl, auch wenn er es ablehnt, menschlicher
Neugierde nachzugeben. Euer Meister ist kein Marktschreier, den man für zwei
Münzen im Marktlärm befragen kann. Er ist auch kein Wahrsager, der für Geld die
Zukunft prophezeit, um die beschränkten Gehirne der Menschen zu befriedigen, die
die Zukunft wissen möchten, um sich dann danach richten zu können. Der Mensch
kann sich nicht danach richten. Gott regelt alles, wenn der Mensch sich ihm
anvertraut. Es nützt auch nichts, zu wissen oder zu glauben, dass man die Zukunft
kennt, wenn man nicht die Möglichkeit hat, die vorhergesagte Zukunft zu
verhindern. Es gibt nur ein Mittel: das Gebet zum Vater und Herrn, damit das
vertrauensvolle Gebet eine Strafe in Segen wandelt. Aber wer zu den Menschen
seine Zuflucht nimmt, um als Mensch und mit menschlichen Mitteln die
Zukunft zu regeln, der ist nicht imstand zu beten, oder nur sehr schlecht.
Da
diese eure Neugierde Anlass zu einer guten Belehrung sein kann, antworte ich
darauf, ich, der ich neugierige und ehrfurchtslose Fragen verabscheue. Ihr fragt
euch: „Wer von uns wird der Grösste im Himmelreich sein?“
Ich schalte die
Einschränkung „von uns“ aus, erweitere die Grenzen auf die gegenwärtige und die
zukünftige Welt und antworte: Der Grösste im Himmelreich ist der Geringste unter
den Menschen, das heisst, der, welcher von den Menschen als der Geringste
angesehen wird. Der Einfache, der Demütige, der Vertrauensvolle, der Unwissende.
Das Kind, oder wer kindlich zu sein weiss. Weder Wissenschaft, noch Macht, noch
Reichtum oder Geschäftigkeit, selbst wenn sie gut wären, sind es, die euch zu
den „Grössten“ im seligen Reiche machen, sondern kindliche Liebenswürdigkeit,
Demut, Einfalt und kindliches Vertrauen.
Beachtet, wie mich die Kinder lieben,
und ahmt sie nach. Beachtet, wie sie an mich glauben, wie sie sich dessen
erinnern, was ich sage, wie sie tun, was ich lehre, wie sie nicht eifersüchtig
werden auf mich und ihre Kameraden, und ahmt sie nach. Wahrlich, ich sage euch,
wenn ihr eure Denkart, eure Handlungsweise und eure Art zu lieben nicht ändert
und nicht wie die Kinder werdet, dann werdet ihr nicht in das Himmelreich
eingehen. Sie wissen das Wesentliche meiner Lehre, wie auch ihr, aber mit welch
einem Unterschied, wenn es darum geht, das, was ich lehre, in die Tat
umzusetzen! Ihr sagt nach jeder guten Tat, die ihr vollbracht habt: „Ich habe
das getan.“ Das Kind sagt zu mir: „Jesus, ich habe mich heute deiner erinnert
und dir gehorcht, ich habe geliebt, ich habe einen Streit vermieden . . . und
ich bin zufrieden, denn du, dessen bin ich gewiss, weisst es, wenn ich gut bin,
und bist dann glücklich.“ Beobachtet auch die Kinder, wenn sie Fehler begehen.
Mit welcher Demut bekennen sie: „Heute bin ich böse gewesen. Es schmerzt mich,
dir Leid zugefügt zu haben.“ Sie suchen nicht nach Entschuldigungen, denn
sie wissen, dass ich alles weiss. Sie glauben! Es schmerzt sie, dass ich darunter
leide.
Oh, ihr meinem Herzen so lieben Kinder, in denen kein Hochmut, keine
Doppelzüngigkeit und keine Gier ist! Ich sage zu euch: Werdet wie die Kinder,
wenn ihr in mein Reich eingehen wollt. Liebt die Kinder, als engelgleiche
Vorbilder, die ihr ja haben könnt, denn wie Engel solltet ihr sein. Zu eurer
Entschuldigung könntet ihr sagen: „Wir können die Engel nicht sehen“, doch Gott
gibt euch die Kinder als Beispiel, und diese habt ihr unter euch, und wenn ihr
ein materiell oder moralisch verlassenes Kind seht, das zugrunde gehen könnte,
dann nehmt es in meinem Namen auf, denn sie sind Gottes Vielgeliebte. Wer immer
ein Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf, denn ich bin in der Seele
des Kindes, die unschuldig ist. Wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich
gesandt hat, den Allerhöchsten, den Herrn.
Hütet euch, bei einem dieser Kinder,
dessen Auge Gott sieht, Anstoss zu erregen. Bei niemandem soll man Anstoss
erregen. Aber wehe, dreimal wehe dem, der den unschuldigen Glanz der Kinder
verletzt. Lasst sie Engel bleiben, solange ihr könnt! Zu abstossend sind Welt und
Fleisch für die Seele, die aus den Himmeln kommt, und ein Kind ist durch seine
Unschuld noch ganz Seele. Habt Achtung vor der Seele des Kindes und vor seinem
Körper, wie ihr Achtung habt vor dem heiligen Ort. Heilig ist das Kind auch,
weil es Gott in sich hat. In jedem Körper ist der Tempel des Geistes. Aber der
Tempel des Kindes ist der heiligste und tiefste, er ist jenseits des doppelten
Vorhangs. Bewegt nicht einmal den Vorhang der heiligen Unkenntnis der
Begehrlichkeit mit dem Wind eurer Leidenschaften. Ich wollte, dass in jeder
Familie, in jeder Menschengruppe ein Kind wäre, das den Leidenschaften der
Menschen als Zügel diente.
Das Kind heiligt, es gibt Erquickung und Frische,
allein schon durch die Strahlen seiner Augen ohne Bosheit. Aber wehe jenen, die
dem Kinde durch ihr skandalöses Benehmen die Heiligkeit rauben! Wehe jenen, die
durch ihre Worte und ihren Spott das Vertrauen der Kinder in mich
beeinträchtigen! Es wäre besser für sie, wenn ihnen ein Mühlstein an den Hals
gehängt und sie ins Meer versenkt würden, damit sie mit ihrer Unreinheit
ertrinken. Wehe der Welt wegen der Ärgernisse, die sie den Unschuldigen gibt!
Denn, wenn es auch unvermeidlich ist, dass Ärgernisse vorkommen, wehe jedoch dem
Menschen, der sie bewusst hervorruft.
Niemand hat das Recht, seinem Körper und
seinem Leben Gewalt anzutun, denn Leben und Körper kommen von Gott, und er
allein hat das Recht, Teile davon oder das Ganze zu nehmen. Aber ich sage euch,
wenn euch eure Hand zum Ärgernis wird, ist es besser, dass ihr sie abhaut, und
wenn euer Fuss euch dazu führt, Ärgernis zu erregen, dann ist es besser, dass ihr
ihn abhaut. Denn es ist besser, verkrüppelt oder hinkend ins ewige Leben
einzugehen, als mit zwei Händen und zwei Füssen ins ewige Feuer geworfen zu
werden. Wenn es nicht genügt, eine Hand oder einen Fuss abzuhauen, dann lasst euch
auch die andere Hand oder den anderen Fuss abhauen, damit ihr kein Ärgernis mehr
erregen könnt und Zeit habt zu bereuen, bevor ihr dorthin geworfen werdet, wo
das Feuer nicht erlischt und in Ewigkeit bohrt wie ein Wurm. Und wenn euer Auge
Ursache eines Ärgernisses ist, dann reisst es euch aus. Es ist besser, mit einem
Auge zu leben, als mit beiden Augen in der Hölle zu sein. Mit nur einem Auge
oder mit gar keinem in den Himmel zu kommen, wird euch nicht daran hindern, das
Licht zu sehen, während ihr mit zwei sündhaften Augen in der Hölle Finsternis
und Schrecken sehen werdet, und nichts anderes.
Erinnert euch immer an all das.
Verachtet die Kleinen nicht, erregt bei ihnen kein Ärgernis und verlacht sie
nicht. Sie sind besser als ihr, denn ihre Engel schauen immerfort Gott, der
ihnen die Wahrheiten sagt, die sie den Kindern und jenen, die kindlichen Herzens
sind, enthüllen sollen.
Liebt euch untereinander wie die Kinder, ohne Streit und
ohne Hochmut! Seid friedsam mit euren Gefährten, und auch mit allen anderen,
denn ihr seid Brüder im Namen des Herrn, und nicht Feinde, und es gibt
keine und darf keine Feinde unter den Jüngern des Herrn geben. Der einzige Feind
ist Satan, und seine erbitterten Feinde sollt ihr sein. Gegen ihn und gegen die
Sünden, die Satan in die Herzen trägt, sollt ihr kämpfen. Seid unermüdlich im
Kampf gegen das Böse, welche auch immer die Gestalt sei, die es annimmt.
Seid
geduldig. Es gibt keine Beschränkung für die Tätigkeit des Apostels, denn das
Wirken des Bösen kennt keine Grenzen. Der Dämon sagt nie: „Genug, nun bin ich
müde und ruhe mich aus!“ Er ist unermüdlich. Viel behender als ein Gedanke eilt
er von einem Menschen zum anderen und versucht und nimmt, verführt und quält und
lässt keine Ruhe. Er greift mit Hinterlist an und schlägt nieder, wenn man nicht
mehr wachsam ist. Manchmal erobert er eine Seele wegen der Schwachheit des
Angegriffenen; andere Male erscheint er als Freund, da die Lebensweise des
gesuchten Opfers schon so ist, dass sie einem Bündnis mit dem Feind gleichkommt.
Es kann auch geschehen, dass er, von jemandem verjagt, umherschweift und sich auf
den Besten stürzt, um sich für die ihm von Gott oder einem Diener Gottes
zugefügte Niederlage zu rächen. Aber ihr müsst das gleiche sagen, was er sagt:
„Ich ruhe nicht.“ Er ruht nicht, um die Hölle zu bevölkern. Ihr dürft nicht
ruhen, um das Paradies zu bevölkern. Gewährt ihm keinen Unterschlupf. Ich mache
euch darauf aufmerksam, dass er euch umso mehr quälen wird, je mehr ihr ihn
bekämpft. Aber ihr dürft euch durch nichts abschrecken lassen. Er kann die Erde
durcheilen, aber in den Himmel dringt er nicht ein. Daher wird er euch dort
nicht mehr belästigen können, und alle jene, die ihn bekämpft haben, werden dort
sein . . . «
Jesus unterbricht sich plötzlich und fragt: »Aber warum stört ihr
denn immer Johannes? Was wollen sie denn von dir?«
Johannes wird feuerrot, und
Bartholomäus, Thomas und Iskariot senken den Kopf, da sie sich ertappt fühlen.
»Nun?« fragt Jesus mit Nachdruck.
»Meister, meine Kameraden wollen, dass ich dir
etwas sage.«
»So sage es mir.«
»Heute, während du bei dem Kranken warst und
wir durch den Ort gingen, wie du gesagt hattest, haben wir einen Mann gesehen,
der nicht dein Jünger ist und den wir nie unter denen gesehen haben, die deine
Lehre anhören, der aber dennoch in einer Gruppe von Pilgern, die nach Jerusalem
gingen, in deinem Namen Teufel ausgetrieben hat, und es gelang ihm. Er hat einen
Mann geheilt, der unter einem Zittern litt, das ihn an jeglicher Arbeit
hinderte. Dann hat er einem Mädchen die Sprache wiedergegeben, das in einem Wald
von einem Dämon in Gestalt eines Hundes befallen worden war, der ihm die Stimme
gelähmt hatte. Er sagte: „Weiche, verfluchter Dämon, im Namen des Herrn Jesus,
des Christus, des Königs aus dem Geschlechte Davids, des Königs Israels. Er ist
der Erlöser und der Sieger. Fliehe vor seinem Namen!“ Und tatsächlich ist der
Dämon geflohen. Wir haben uns darüber geärgert und es ihm verboten, doch er
sagte zu uns: „Was tue ich denn Schlechtes? Ich ehre Christus, indem ich seinen
Weg von den Dämonen befreie, die nicht würdig sind, ihn anzuschauen.“ Wir
antworteten: „Du bist kein Exorzist Israels und auch kein Jünger Christi. Es ist
dir nicht erlaubt, das zu tun“, und er erwiderte: „Gutes zu tun, ist immer
erlaubt“, und dann lehnte er sich gegen unsere Anordnung auf mit den Worten:
„Ich werde fortfahren, das zu tun, was ich tue.“ Sieh, sie wollten, dass ich dir
das berichte, besonders nachdem du gesagt hast, dass im Himmel alle jene sein
werden, die Satan bekämpft haben.«
»Gut. Zu diesen gehört jener Mann. Er hatte
recht, und ihr wart im Unrecht. Unendlich sind die Wege des Herrn, und es ist
nicht gesagt, dass nur die in den Himmel gelangen, die den geraden Weg
einschlagen. An jedem Orte, zu jeder Zeit und auf tausend verschiedene Arten
wird es Menschen geben, die zu mir kommen, selbst auf einer anfänglich
schlechten Bahn. Aber Gott sieht ihre rechte Absicht und führt sie auf den
rechten Weg. Ebenso wird es einige geben, die aus Lüsternheit und dreifacher
Begierlichkeit vom rechten Wege abkommen und einen Weg einschlagen, der sie
entfernt oder gar auf gefährliche Abwege führt. Ihr sollt daher nie
euresgleichen verurteilen, denn nur Gott allein sieht. Hütet euch, vom rechten
Wege abzuweichen, auf den euch, mehr als euer eigener Wille, der Wille Gottes
geführt hat. Wenn ihr jemanden seht, der an meinen Namen glaubt und für ihn
wirkt, dann nennt ihn nicht einen Fremden, einen Feind oder Gotteslästerer. Er
gehört immer zu meinen Dienern, meinen Freunden und Getreuen, denn er glaubt
freiwillig und aus eigenem Antrieb und besser als viele von euch an meinen
Namen, und daher wirkt mein Name auf seinen Lippen die gleichen Wunder wie bei
euch, und vielleicht noch grössere. Gott liebt ihn, weil er mich liebt, und wird
ihn schliesslich in den Himmel führen. Niemand, der in meinem Namen Wunder wirkt,
kann mir Feind sein und Böses über mich sagen, denn durch seine Werke ehrt er
vielmehr Christus und legt Zeugnis für seinen Glauben ab. Wahrlich, ich sage
euch, es genügt schon, an meinen Namen zu glauben, um die eigene Seele zu
retten, denn mein Name ist Heil. Daher sage ich euch: wenn ihr ihm wieder
begegnen solltet, verbietet es ihm nicht mehr, sondern nennt ihn Bruder, denn
das ist er, auch wenn er sich noch ausserhalb der Hürde meiner Herde befindet.
Wer nicht gegen mich ist, der ist für mich. Wer nicht gegen euch ist, der ist
mit euch.«
»Haben wir gesündigt, Herr?« fragt Johannes betrübt.
»Nein! Ihr habt
aus Unkenntnis gehandelt, nicht aus Bosheit. Daher ist es keine Sünde, doch in
Zukunft wäre es Sünde, da ihr es jetzt wisst. Lasst uns nun zu unseren Häusern
gehen . . . Der Friede sei mit euch!«
398 Benjamin blieb treu bis in den Tod
»Das, was ich meinem kleinen Jünger gesagt habe, sage ich auch euch. Das Reich
gehört meinen treuen Schäflein, die mich lieben und mir folgen, ohne sich in
leeren Versprechungen zu verlieren, sondern mich lieben bis zum Ende.
Ich sage
euch, was ich auch meinen erwachsenen Jüngern gesagt habe: „Lernt von den
Kleinen.“ Nicht Gelehrsamkeit, Reichtum oder Mut sind es, die euch das
Himmelreich erobern lassen, nicht die menschlichen Eigenschaften; ihr müsst sie
vielmehr gemäss der Weisheit und der Liebe besitzen, um auf übernatürliche Weise
reich, gelehrt und mutig zu werden. Wie sehr erleuchtet die Liebe, um die
Wahrheit zu erkennen! Wie reich macht sie, damit man die Wahrheit erwerben kann!
Welch ein Vertrauen schenkt sie! Welch eine Sicherheit!
Macht es wie der kleine
Benjamin, meine kleine Blume, die an jenem Abend mein Herz mit einem Duft
erfüllt hat, der den Geruch rebellischen Menschseins überdeckte und ein
engelhaftes Lied sang, das den Lärm der menschlichen Streitigkeiten übertönte.
Möchtest du wissen, was später aus Benjamin geworden ist? Er blieb das kleine
Lamm Christi, und nachdem er seinen Grossen Hirten verloren hatte, da dieser in
den Himmel zurückgekehrt war, wurde er der Jünger dessen, der mir am meisten
glich, empfing aus seiner Hand das Sakrament der Taufe und wurde mit dem Namen Stephanus mein erster Märtyrer. Er blieb treu bis in den Tod, und mit ihm seine
Angehörigen, die durch das Beispiel ihres kleinen Familienapostels zum Glauben
gelangten. Du sagst, dass er nicht bekannt ist? Viele von denen, die den Menschen
unbekannt blieben, sind mir in meinem Reich bekannt, und sie sind glücklich
darüber, denn weltlicher Ruhm fügt der Strahlenkrone der Seligen keinen Funken
hinzu.
Kleiner Johannes (Maria
Valtorta gemeint), wandle stets mit deiner Hand in der meinen, dann wirst
du sicher gehen, und wenn du einst in mein Reich gelangst, werde ich nicht zu
dir sagen: „Tritt ein“, sondern „Komm“; und ich werde dich in meine Arme
schliessen, um dich dorthin zu führen, wo meine Liebe dir den Platz bereitet hat,
den deine Liebe verdient hat.
Geh in Frieden! Ich segne dich.«
